Samstag, 29. November 2014

Spracherwerb im Asylantenheim Puch (Überarbeitung)




Der Deutschkurs im Asylantenheim – ja, ich weiß, diese Bezeichnung wird als politisch nicht korrekt empfunden, es müsste Asylwerberheim heißen – ich bleibe dennoch beim kürzeren Asylantenheim – stellt eine Herausforderung der besonderen Art dar und ist – man kann es nicht kürzer ausdrücken – lustig. Das mag jetzt irgendwie arg einfach, simplifizierend klingen, aber der Kurs ist lustig, im Sinne von froh, fröhlich, witzig, unterhaltsam, lustig eben. Dass der Unterricht auch Kennenlernen von und Begegnung mit lernwilligen, fröhlichen Menschen bringt, wäre in einer eigenen Geschichte zu behandeln, die Erwähnung darf hier aber nicht fehlen. Ja, ich neige zur Ansicht, dass der Kurs mir mehr als den „Schülern“ bringt oder gebracht hat, weil ich aus gesundheitlichen Gründen zur Zeit nicht in dieser Hinsicht pädagogisch tätig bin. Bleiben wir aber dennoch bei der Gegenwart.
Es könnte jetzt durchaus der Fall sein, der irrigen Meinung anzuhängen, die Verursacher solch angekündigter Heiterkeit wären ich und meine umwerfend zielführenden und dennoch Fröhlichkeit erweckenden Methoden zur Vermittlung der deutschen Sprache. Nein, weit daneben, die Kursteilnehmer – und vor allem deren Kinder – sorgen für die ungewöhnlich aufgelockerte, heitere Atmosphäre während der Kursstunden, die ganz allgemein gesehen und nicht zu eng genommen der Vermittlung der deutschen Sprache in Wort und Schrift dienen. Einer Schrift, die in vielen Fällen neu gelernt werden muss, da sich das Deutsche in Kyrillisch oder Arabisch zwar nett präsentiert – aber zur allgemeinen schriftlichen Kommunikation nur bedingt eignet.
Der Unterricht beginnt damit, dass er erst einmal gar nicht beginnt. Außer dem Vortragenden ist nämlich niemand im Kursraum anwesend. Wie auch? Der Kurs fängt – immer gleichbleibend – um zehn Uhr an. Da schlafen die Schüler aber noch – auch immer gleichbleibend. Wäre der Kurs um elf angesetzt, würden sie eben um elf noch schlafen, aber das ist reine Theorie, voreingenommene Annahme, böswillige Unterstellung, fast ein bisschen Überheblichkeit den Leuten gegenüber, da der Kurs ja, wie gesagt, um zehn beginnt und eben nicht zu irgend einem anderen Zeitpunkt.  Bis zum tasächlichen Beginn der Lehrveranstaltung stellt sich der Ablauf eher wenig lustig oder erbaulich dar, man kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass meine Stimmung mit grantig nur unzureichend - ja geradezu euphemistisch übertrieben - beschrieben wäre. Ich verstehe zwar meine immer wieder aufflammende Ungeduld nicht, da sich seit Jahren an der groben Auslegung des Beginns der Deutschlektion – also der Tageszeitbeschreibung zehn Uhr - nichts geändert hat, noch nie ist jemand um die genannte Zeit erschienen. Wie auch, die Ankündigung „Deutschkurs, 10 Uhr“  auf dem schwarzen Brett ist höchstens in fünf Zentimeter hohen Lettern gehalten und das auch nur in den Sprachen Farsi, Suaheli, Urdu, Arabisch, Kurdisch, Mongolisch, Georgisch und Armenisch. Vielleicht war es mein Fehler, Chinesisch, Japanisch, und Rätoromanisch so gröblich wegzulassen. Kein Wunder, wenn da niemand pünktlich ist.
Aber da, der erste Lichtblick. Elena taucht auf, noch unfrisiert aber guter Dinge. Sie bittet umgehend um ein Stück Kreide und zeichnet Männchen an die Tafel, wahrscheinlich Abbilder der restlichen Kursteilnehmer, die da noch kommen sollen. Elena ist drei.
Mama Hannah, die vornehme Dame aus Darfur, kommt um zehn Uhr zehn, Bleistift und Heft in der Hand. Ab jetzt geht es Schlag auf Schlag, sie trudeln ein, kichernd die Mädchen aus Nigeria und dem Sudan, schwatzend die Frauen aus Somalia, ein Mongole mit weinendem Kleinkind, zwei Tschetscheninnen mit insgesamt vier Kindern, eine Armenierin mit einem Neugeborenen und dann noch die Männer, die in Deutsch – einer leichten, spielerischen Abart dieser Sprache zwar – aufeinander einreden, zwangsweise, weil sie aus den unterschiedlichsten Weltgegenden stammen. Das ist ja das Gute an einem Haus für Asylanten, man braucht eine lingua franca – was bietet sich da in Österreich mehr an als ein deutsches Idiom.
Sie fragen zweifelnd, was daran so lustig sei? Nun, bis hierher haben Sie Recht. Es gibt noch nichts zu lachen, noch überwiegt die leichte Ungeduld des Vortragenden, also meine. Aber da wird auch schon die erste Saat zur Fröhlichkeit gelegt. Der Mongole sagt zum Beispiel im Dialog zur Usbekin „Was bleiben dein Frau heute?“ und meint natürlich den Mann und als Fragewort hätte er wohl „wo“ verwenden sollen. Nun einmal ehrlich, ist das in einem Gespräch zwischen Mongolen und Usbeken erheblich? Nein, nein und wieder nein! Doch reicht es allemal für ein aufflammendes Gelächter, obwohl die meisten den Fragesatz vermutlich gar nicht in grammatikalisch ähnlicher Nähe zustande gebracht hätten.
Dann geht’s los, ich verwende ein persisches Wort - als Hilfe für die Afghanen -vollkommen falsch. Es wird übersetzt und der Hörsaal, der in Wirklichkeit der Speisesaal ist, erdröhnt in schadenfrohem Lachen, das infektiös sein muss, weil weder die Sudanesen noch die Somalier das Wort in Farsi verstehen, oder vielleicht doch?
Das Kleinkind beginnt erbärmlich zu schreien und muss zur Beruhigung gestillt werden, Elena fällt vom Sessel und klein Jussuf braucht nasenscheinlich eine neue Windel. Ich liege auf dem Boden, weil ich den Unterschied zwischen legen und liegen erkläre, ein lärmendes Handy stört jetzt nur mehr unwesentlich. Blessing, die Friseurin aus Nigeria, stimmt mit ihrer Freundin ein Lied an und setzt auch einige Tanzschritte dazu. Das zwingt mich, die Wörter Tanz und tanzen einzuführen. Dazwischen folgen zehn Minuten intensiven Lernens. Wir sprechen über die Übereinstimmung von Adjektiv, Artikel und Substantiv in Fall und Zahl, wobei ich mich mit „eine klein Hund“ durchaus zufrieden gebe, von der Formulierung „viele klein Hunde“ bin ich geradezu begeistert. Schließlich sind wir auf keiner Universität.
Dann wird einem Somalier das Schreien der kleinen Georgierin zu viel, er schnappt sie und singt ihr eine Weise, wahrscheinlich ein Wiegenlied aus dem Horn von Afrika vor. Das Mädchen versteht offensichtlich Somali, denn es beruhigt sich. Ich krieche jetzt sehr anschaulich durch die Tischreihen, weil mir das Wort „kriechen“ weder auf Arabisch noch auf Urdu einfällt, „creep“ nicht verstanden wird, was bleibt also über? Svetlana lernt Somali, weil sie sich mit Aische aus Mogadischu befreundet hat. Jetzt bringt sie reizvolle Neuschöpfungen in ihr blutjunges Deutsch ein. Eine Frau aus Kenia hat auch für mich etwas vorbereitet und ich kann nach drei Versuchen den Satz „Tafadhali usafishe chumba kwanza“ fehlerfrei nachsprechen. Ich weiß nicht, ob ich ihn jemals anwenden kann, er bedeutet nämlich, „Bitte reinigen Sie das Zimmer erst einmal“.
Shpresa kann beinahe akzentfrei „ich verstehe nicht“ sagen und tut es oft auch ohne erkenntlichen Anlass. Elena fällt das dritte Mal vom Stuhl. Mama Hannah bietet mir eine Pistazie an. Der Genitiv ist den meisten vollkommen egal, so einigen wir uns auf „das Haus von meinem Vater“. Warum auch nicht?  Hin und wieder kommt mir „der Dativ ist dem Genitiv sein Tod in den Sinn“, entscheide mich aber dann doch, diesen Satz nicht ins Heft schreiben zu lassen. Sie können das Buch ja später einmal lesen. Elena fällt schon wieder vom Stuhl und braucht ein neues Stück Kreide, da sie das erste zerbröselt hat. Ich wische mir mit schmerzverzerrtem Gesicht eine imaginäre Träne aus den Augen, weil ich den Begriff “traurig“ verdeutlichen will. Alle lachen, ich weiß nicht warum, sie sollten ja den Begriff „traurig“ verinnerlichen. Dann schaue ich auf die Uhr, Zeit zur Wiederholung, nein, nein, kein Drill, nur die für den Spracherwerb relevanten Dinge, alles andere kommt ohnehin in der nächsten Einheit wieder zum Tragen. 
Und jetzt sage noch einer, das wäre alles nicht lustig. Ich muss hinzufügen, dass die Leute sehr wohl eine ganze Menge lernen, nur etwas ungewöhnlich halt. Die Kursteilnehmer verabschieden mich dann meist im Chor: Next Mittwoch, sehn Uhr, pingdlich.
Als Nachsatz möchte ich anfügen: Wenig hat mich jemals so begeistert wie der Umgang mit den Menschen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden.

Kommentare:

  1. Deinen Nachsatz kann ich nur (ganz dick) unterstreichen. Ich erinnere mich an ein wunderbares Gespräch, bei dem wir (insgesamt 10 Menschen aus 9 Ländern) in sechs verschiedenen Sprachen unterhalten haben. Und solche Kontakte mit Menschen sind erfreulich, beglückend, den Geist weitend, Vorurteile abbauend und Trennendes wegnehmend. Aber das werden Dumpfbacken nie verstehen.

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