Dienstag, 2. Dezember 2014

Holzhausen - ein Ort der großen Bühne




Mit der Nennung des Ortsnamens will ich gleich einmal klarstellen, dass ich über eine Ansiedlung der kleineren Art berichten werde, besser gesagt, was in diesem - in keiner Weise mit New York oder Singapur vergleichbaren - Flecken Erde vor mehr als sechzig Jahren passiert ist. Da die Erzählung durchaus Theatralisches zum Inhalt hat, darf ich auch auf die Laienbühne Holzhausen verweisen, die eigentlich Hochprofessionelles zu bieten hat. Aber eine nähere Erläuterung würde hier zu weit führen.
Ich mochte so ein siebenjähriger Bub gewesen sein, als ich bei einem meiner täglichen Streifzüge in die Felder und Wälder rund um das Dorf auf den Blättern einer sonst unscheinbaren Kartoffelstaude ein seltsames Tier entdeckte, das sich jeder systematischen Zuordnung, zu der ich damals fähig war, entzog. Beinahe erschreckte mich sein Aussehen, obwohl die pergamentene, nackte Haut an Mustern und Farbenpracht kaum zu überbieten war. Das mir so befremdlich erscheinende Wesen hatte etwas, was mich augenblicklich fesselte. Dieses Etwas löste augenblicklich ein Blitzgewitter in meinen Synapsen aus. Ich merke aber aus- und nachdrücklich an, dass ich das damals anders formuliert hätte.
Der offensichtlich extrem elastische, in alle Dimensionen verformbare Nachtschattengewächsnager (wiederum ein Beschreibungsmodus, der ausschließlich in seiner Umständlichkeit Erwachsenen vorbehalten ist) hatte einen Schwanz. Nicht einen zum Wedeln, nicht einen zum Fliegenverscheuchen, es war eigentlich nur ein Körperfortsatz ohne erkennbare Funktion und ohne Quaste – aber eindeutig ein Schwanz.
Ich musste mich trotz aller Spiele meiner Fantasie mit dem Gedanken anfreunden, dass es sich um eine Raupe handelte, ich tat dies ungern, weil es  der Exotik des Tieres etwas an Exklusivität nahm. Allerdings, und das wertete den Fund wieder auf, ging es hier eindeutig um eine Riesenraupe. Zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis war mein Plan schon fix und fertig – in allen Facetten ausgereift sozusagen. Die Sache musste ausgeschlachtet werden, finanziellen Ertrag bringen. Wie, wusste ich schon. Wer exotische Tiere ausstellen will – in einer Menagerie etwa, muss zuerst einmal einen entsprechenden Käfig zur Verfügung haben – an Freianlagen aus Gründen der artgerechten Haltung dachte damals noch niemand. Vor allem aber hatte ich das Tier erst einmal als Art zu benennen. Ich war mir vollkommen sicher, dass es sich nur um eine „Afrikanische Schwanzraupe“ handeln konnte und das stand dann auch kurz darauf in Großbuchstaben auf der Außenseite des Schuhkartons, der zugleich Käfig, Schauraum und Auslauf war. Zugegeben, es stand „Afriknische Schwansraube“ drauf, man beachte mein Alter damals und die zurückgelegte schulische Bildung.
Innerhalb weniger Stunden konnte man an Scheunen, Stalltüren und Hausmauern Plakate bestaunen, die für einen Eintrittspreis von fünf Groschen ein unvergleichliches  Erlebnis, nämlich die Besichtigung eines extrem seltenen Exemplars der afrikanischen Schwanzraupe versprachen. Fünf Groschen waren zwar ein unverschämt hoher Eintrittspreis, aber es handelt sich eben um eine Exklusivschau.
Und die Leute kamen, nicht übermäßig viele, neben Vater und Mutter waren es vier Nachbarkinder, der Bauer, auf dessen Feld die Kuriosität gefunden wurde und eine Tante. Sie alle zahlten - in Summe 40 Groschen. Meine Schwestern warfen auch einen Blick auf die - zugegeben ziemlich einseitige und klar umrissene Tierschau -zahlten aber nicht.
Ich war zufrieden, der Erlös erlaubte mir den Ankauf eines Linienspiegels (von dem ich glaubte, er wäre ein technisches Gerät mit optischen Komponenten) und von drei Stollwerk mit Zitronengeschmack.

Kommentare:

  1. Von diesem Kaliber ist der engagierte Naturforscher. Nicht nur das bloße Interesse, die Faszination, für die Schönheiten von Flora und Fauna, sondern dies auch noch gepaart mit einer handfesten, kaufmännischen Begabung, stellen sicher, dass der Jungforscher seinen Weg machen wird. Die Karriere als Forscher, Lehrender und - was heute zwingend gefordert ist - Beitreiber von Drittmitteln ist vorgezeichnet. Hier steht der künftige Ordinarius in einem sehr frühen Stadium vor uns.

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    1. Leider ist von diesem kaufmännischen Talent nichts erhalten geblieben. :D

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    2. Nun, man muss nicht unbedingt ein guter Kaufmann sein, wenn es einem gelingt, genug Drittmittel zu akquirieren.

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